PETRA MOLLÉRUS STEHT IM WALD: IM GESPRÄCH MIT DER BÜHNENBILDNERIN DER OPER »DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN«

Petra, das ist Dein erstes Bühnenbild fürs Theater Ulm. Was ist hier neu oder anders im Vergleich zu den Häusern, an denen Du bislang gearbeitet hast?
Ich formuliere das mal im Vergleich zu Detmold, wo ich die letzten dreizehn Jahre hauptsächlich gearbeitet habe. Die Ulmer Bühne ist natürlich größer. Zudem gibt es eine sehr umfangreiche Bühnentechnik mit vielen Verwandlungsmöglichkeiten, mit Untermaschinerie, Hubpodien, Obermaschinerie. Dies nun in meinem neuen Stammhaus als Werkzeug zu haben, ist einfach toll.

Was muss ein Bühnenbild für Dich können, was muss es leisten?
Erst einmal dient es dem Gesamtabend. Wenn die Zuschauer nach der Vorstellung rausgehen und sagen: »Das Bühnenbild hat mich so beschäftigt, dass mir alles andere egal war«, dann hätte ich etwas falsch gemacht. Es geht um ein Kunstprojekt im Zusammenspiel aller Faktoren. Das Bühnenbild ist ein Hilfsmittel, um die Aussage des Regieteams bildnerisch zu unterstützen. Das ist mir auch im Kostümbereich sehr wichtig.

Was ist am »Füchslein« für Dich besonders reizvoll?
Ich finde es spannend, in der Arbeit am Bühnen- und vor allem Kostümbild die Parallelitäten zwischen Mensch- und Tierwelt zu finden. Ich mag aber auch den Lebenszyklus des Großwerdens, des Erwachsenwerdens, des Sich-Entwickelns und Vergehens, der im Werk ganz ohne Tragik geschildert wird. Das hat mich zunächst sehr irritiert. Die Füchsin ist plötzlich tot, doch es folgt kein Geschrei und kein Lamento. Es geht einfach weiter. Das ist eine neue Erfahrung. Normalerweise ist das Drama groß, wenn der Held auf der Bühne stirbt. Ich kenne da nichts Vergleichbares.

Wie finden sich diese Gedanken im Bühnenbild wieder?
Ich habe versucht, die Natur ins Bild aufzunehmen. Es ist viel Wald zu sehen – aber eben gemalter Wald und insofern eine in menschliche Dimensionen hineingezähmte Natur. Dennoch habe ich als Zuschauer das Gefühl, dass beim Draufschauen die Natur »aufgeht«, eine Tiefendimension entsteht – eine Waldstimmung in mir selbst. Diese Bühnen-Natur ist kombiniert mit einem zutiefst menschlichen und bewusst unnatürlichen Attribut, nämlich der Tür. Sie führt an andere Orte, durch die Tür betritt der Mensch den Wald oder verlässt ihn. Türen liegen auch im »Bühnenwald«, sind Zivilisationsmüll oder »Tür gewordene« umgestürzte Bäume. Es ist ein surreales Arrangement in der Art Magrittescher Bilder. Innen und Außen sind verwoben.

Was »kann« Deine »Füchslein«-Bühne? Welche Geheimnisse birgt dieser Mollérus-Wald?
Als ich das Bühnenbild der technischen Direktion vorgestellt habe, schien es zunächst nicht besonders schwierig zu sein: Ach ja, ok, da sind ein paar Türen, Podeste und ein Prospekt. Aber dann wurde klar: Das ist nur der Grundraum. Und jetzt geht das »Zaubern« los! Es soll unerwartete Momente geben, die voll Poesie sind. Ich möchte Faszination und Überraschung entstehen lassen, obwohl der Zuschauer meint, die Bühne überblicken zu können. Also wird das Flugwerk benutzt, es gibt zig Klappen und begehbare Stege, sich öffnende Türen und eine Vielzahl an Effekten für den Mikrokosmos und Makrokosmos oder das große und das kleine Welttheater.
Für die Technik ist es eine enorme Herausforderung, ein Bühnenzauber, bei dem ich mich im Publikum einfach nur freuen kann. Menschen und Tiere bevölkern diesen Wald.

Was bedeutet das für Deine Kostüme?
Kay Metzger und ich haben entschieden, Fell und Federn zu meiden. Alle Tierkostüme entstehen aus Alltags- und Gebrauchs-Materialien, assoziativen, »menschengemachten« Stoffen – die Tiere werden ja auch von Menschen gespielt. Da sind auch Überlegungen wichtig, in welcher Umgebung Tiere leben: in der Wildnis oder im Gehege. Hühner beispielsweise wären in der freien Natur unbeholfen – die kommen im Hof klar. Sie sind in meiner Vorstellung also eher häuslich. (lacht) Daher hab ich ihnen Kostüme aus Geschirrhandtüchern entworfen. Das Kostüm für den Fuchs ist aus einem Badezimmerteppich gefertigt, um jede Form von Fell zu vermeiden. Oder die Ohren des Dackels: das sind Topflappen. Die Insektenaugen sind aus Teesieben gebastelt. Das ist keine neue Erfindung von mir, aber ich hab' da Freude dran – und ich hoffe, das Publikum auch.

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AutorIn: Benjamin Künzel
Datum: 24.10.2018