WIE FUNKTIONIERT DIESE KAFFEEMASCHINE?

Als ich diesen Zettel auf meinem Schreibtisch sehe, muss ich lachen. Gestern noch haben wir das klobige Krups-Espresso-Wunder-Gerät von den Dramaturgen, die es uns geschenkt haben, in unser Büro transferiert und voller Stolz und Vorfreude auf dem hinteren Schrank deponiert. Dafür musste der Drucker weichen, aber man muss eben Prioritäten setzen – und bei theaterüblichen Arbeitszeiten, überlaufenden Email-Postfächern und ständig dudelnden Telefonen spielt Koffein eine nicht unerhebliche Rolle, wie ich bald lernen sollte.
Anfang September begann mein Jahrespraktikum am Theater Ulm in der Abteilung Theaterpädagogik/Junges Theater. Das Büro teile ich mit der rothaarigen Regisseurin Charlotte Van Kerckhoven (mit stummem »e« und großem »Van«) und Stephanie Pardula (»ph«, bitte!), einer quereingestiegenen Schauspielerin mit nicht minder buchstabierbedürftigem Nachnamen. In den ersten Tagen waren wir viel mit Umräumen beschäftigt: Schränke wurden aus- und eingeräumt, Möbel verschoben, Ordner sortiert, Wände dekoriert und Kaffeemaschinen importiert. Es wäre nur gut, wenn man wüsste, wie diese zu bedienen ist!
Also schalte ich den Mac an, der in erhabener Apfeligkeit samt all seiner Inkompatibilitäten mit anderen Betriebssystemen auf dem Arbeitsplatz des Jahrespraktikanten thront, und lausche auf den wie immer viel zu laut eingestellten Akkord, den er beim Hochfahren von sich gibt. Ich checke drei Standard-Mails (der Tagesplan, eine Hausmitteilung und der Pressespiegel des Theaters), starte den Internetbrowser und beginne, nach Kaffeemaschinen zu googeln. Nun muss ich zunächst das Modell identifizieren. Ich stehe also auf, schlängle mich an meiner Kollegin vorbei, die konzentriert wippend auf den Bildschirm ihres Stadtrechners starrt. Ach ja, wippen... Bürostühle waren und sind ebenfalls ein wichtiges Thema bei uns. Auch wenn wir längst nicht so viel Zeit sitzend verbringen, wie man von einem Bürojob erwarten sollte, weil wir ständig im Theater und außerhalb unterwegs sind, wird sehr auf Rückenfreundlichkeit geachtet. So wurde von verstellbarem Drehstuhl über lehnenlosen Wackelhocker bis hin zum Gymnastikball alles durchprobiert, ausführlich diskutiert und bewertet. Auch eine Yogaeinheit in der Mittagspause ist nicht ungewöhnlich, was uns den Ruf eingebracht hat, im Büro ständig Gymnastik und Meditation auszuüben.
Während ich das angeblich kaffeeproduzierende Ding in Augenschein nehme, dringen von der anderen Seite des Schreibtischs einige unterdrückte Flüche hinüber, weil der Computer hängen geblieben ist und der Neustart länger braucht als ich von der Pforte bis zu unserem Büro in den dritten Stock; wenn ich die Treppen nehme, wohlgemerkt. Nach eingehender Betrachtung beschließe ich (in der Hoffnung, eine Artikelnummer auf der Unterseite zu finden) die Maschine zu kippen. Dabei ergießt sich ein Schwall kaltes Kaffeewasser auf meine Bluse. Nach einer Schrecksekunde pruste ich los und meine Kolleginnen müssen ebenfalls lachen. Wir müssen ein Klopfen überhört haben, denn in diesem Moment öffnet sich die Tür und ein Regieassistent schaut uns verwirrt an. »Willst du einen Kaffee?«, bringt Charlotte hervor. Eigentlich hat er aber nur eine Frage zu den Anmeldebögen der Jugendclubs. Ich hole währenddessen etwas zum Aufwischen aus der Teeküche, denn das erste Gebot des Theaters lautet schließlich: egal was passiert, der Lappen muss hoch.
Eine Viertelstunde später ist die Schadensbegrenzung auf Kleidung und Boden abgeschlossen und ich lese mich in die Unterschiede von Filterkaffeemaschine und Espressovollautomat ein. Als ich unser Exemplar endlich gefunden habe, kann ich mich dem Studium der (leider nur auf Englisch verfügbaren) Bedienungsanleitung widmen. Wie kompliziert muss so eine Maschine sein, dass die Gebrauchsanweisung 42 Seiten hat?? Wenigstens ist ein übersichtlicher, leicht verständlicher Comic dabei. Damit kann die Zubereitung des koffeinhaltigen Heißgetränkes ja kein Problem mehr darstellen, oder? Tatsächlich sollte es noch viele Versuche brauchen, bis ein genießbares Produkt in unsere Tassen tropfte. Im Zuge unseres Erkenntnisprozesses gab die Kaffeemaschine derartig spektakuläre Geräusche von sich, dass wir überlegten, sie in einem Stück für die Special Effects einzusetzen, denn von Klopfen, Brummen, Zischen, Röhren und Piepen war alles dabei. 
Ich persönlich greife ja lieber auf Tee zurück – beim Wasserkochen kann nicht so viel schiefgehen. Gesünder soll es ja auch sein. Und besser für die Nerven...
AutorIn: Annika Wilke
Datum: 10.12.2019