NUN ALSO DOCH: SKYPE INSTALLIEREN

Diese Anweisung von Charlotte finde ich an Tag 4 des Ausnahmezustands wegen der Coronapandemie auf meinem Schreibtisch. Soso, denke ich. Ich bin als Jahrespraktikantin und jüngste Mitarbeiterin quasi Digitalisierungshelferin hier im Büro der Theaterpädagogik, wo Mails noch ausgedruckt werden und Internet Neuland ist.

Als der Spielbetrieb am Theater Ulm am Freitag, den 13. März (schicksalhaft, oder?) ausgesetzt wurde, machten wir uns auf die Suche nach Wegen, mit den Teilnehmern und dem Publikum des Jungen Theaters in Kontakt zu bleiben. Zunächst drehten wir einige Clips zum Thema „Prinzessin werden leicht gemacht“ passend zum Stück „Die Zweite Prinzessin“ von Gertrud Pigor, das in der nächsten Spielzeit Premiere hat, sowie eine Szene aus „Zwei Monster“ von derselben Autorin.

Und heute wagen wir uns also an das erste virtuelle Treffen mit unserem Spielclub. Die Jugendlichen sind zwischen 10 und 15 Jahre alt und haben entsprechend sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Internet. Während manche der digital natives sich mit TikTok, FaceTime und Snapchat bestens auskennen, besitzen andere gar kein Smartphone und ihre Eltern bitten mich ratlos um Hilfe bei der Bedienung von Skype. Es braucht also ein paar Anläufe, bis wir vollständig sind. Wer schon mal eine Videokonferenz mit 14 Teilnehmern gemacht hat, weiß, wie chaotisch das sein kann: kleine Geschwister wollen zuschauen, im Hintergrund läuft der Fernseher, irgendwo saugt ein Elternteil, bei jemand anderem ist das Bild ist komplett überbelichtet und die Leitung rauscht. Ziemlich schnell einigen wir uns deshalb darauf, dass alle, die gerade nicht sprechen, sich stumm schalten. Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber reduziert die Geräuschkulisse drastisch. Lustigerweise passiert es auch nach mehreren Treffen immer noch regelmäßig, dass jemand spricht, während sein Mikrofon ausgeschaltet ist. Außerdem dreht ab und zu jemand die Kamera um, sodass wir statt in ein bekanntes Gesicht in ein fremdes Wohnzimmer schauen. Oder man teilt aus Versehen den eigenen Bildschirm in der Gruppe, sodass alle den Fortschritt bei Minecraft mitverfolgen können...

Wenn die technischen Dinge geklärt sind, erzählt jeder ein bisschen von seiner Quarantänesituation und wie der Online-Unterricht läuft. Dann machen wir ein paar Spiele, die Charlotte sich überlegt hat. Bewährt haben sich Ein-Satz-Geschichten, Gesichtsausdrücke raten oder Witze erzählen. Oder warum nicht mal ein Verkehrsschild als Geste darstellen? Ob es das wirklich gibt, ist dabei nachrangig – ich sage nur „Vorsicht Einhörner!“, „Geschwindigkeitsbegrenzung: 3000km/h“ oder „Fallschirmspringer im Anflug“. Anschließend gehen wir zum Inhaltlichen über und starten die eigentliche Textprobe. Dabei gehen wir das Stück „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende durch und jeder liest seine Rolle. Die anderen hören zu und soufflieren. Am Ende der Videokonferenz werden Fragen geklärt und das weitere Vorgehen geplant. Nach etwa einer Stunde verabschieden wir uns und ich drücke den roten Telefonhörer. Charlotte seufzt erleichtert: „Ich habe sie so vermisst!“

Stephanie skypt jeden Dienstagnachmittag mit der Theaterbande, den Kindern zwischen 6 und 10 Jahren. Dafür bringt sie meistens eine Geschichte mit und bereitet kleine Spiele wie Assoziationsketten, Grimassenwettbewerb oder Fantasietraining vor. In einer Stunde hat uns ein Kind selbst aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen und einmal gab es ein richtiges Puppentheater, das sich eine Familie extra ausgedacht, gebastelt und vorgeführt hatte. Zusätzlich haben wir Anleitungen für selbstgebastelte Instrumente herumgeschickt, an denen die Kinder sich versuchen können. Vor der Coronakrise hatten wir nämlich mit dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ angefangen. Dass man bei den Anrufen nicht lauter sprechen muss als in normalen Konversationen, versuche ich Stephanie noch anzugewöhnen...

Mit Gaetan und seiner Tanztheaterbande gibt es ebenfalls ein besonderes Format: jede Woche machen wir eine Stunde Tanztraining über Skype. Dann werden Büro und Kinderzimmer kurzerhand zum Probenraum umfunktioniert und gemeinsam Aufwärmübungen gemacht und Choreografien einstudiert. Auch wenn die Kamera manchmal nachjustiert werden muss und Verzögerungen gelegentlich zu Asynchronität führen – Spaß macht es und Bewegung und Kontakt tun uns allen gut.

Abgesehen von unseren Videokonferenzen wird natürlich auch der Social-Media-Auftritt in Zeiten von Isolation wichtiger. Wir veröffentlichen deshalb regelmäßig neue Formate, zum Beispiel eine Reihe zum Thema „Wie entsteht eine Theaterproduktion?“, die einen Blick hinter die Kulissen des Kinderkonzerts ermöglicht, sowie Updates, Tipps und kleine Aufmunterungen. Wer Instagram oder Facebook hat, kann gerne auf unserer Seite vorbeischauen: @jungestheaterulm. Charlotte, die regelmäßig unseren Account aufruft und sich die Posts und Benachrichtigungen aufmerksam durchliest, freut sich über jeden neuen Follower und ist immer begeistert, wenn wir „geliebt“ (geliked) werden. Ansonsten wünschen wir allen gutes Durchhalten, einen schönen Frühlingsbeginn und natürlich beste Gesundheit!

AutorIn: Annika Wilke
Datum: 20.04.2020