DAS TANZTHEATER ULM FORMIERT SICH UNTER DER LEITUNG VON REINER FEISTEL NEU

Den Sommer über war er in Peking, der Megacity, eigentlich als Dozent für modernen Tanz - aber natürlich fließen die jüngsten Erlebnisse auch in die  aktuellen künstlerischen Arbeiten mit ein. Und so weben sich Erfahrungen aus der chinesischen Metropole zart in die neueste Choreographie von Reiner Feistel.

»Gesichter der Großstadt« heißt der erste Tanztheaterabend, den der neue Direktor mit seiner internationalen Compagnie auf die Beine stellt, und der Abend besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil ist die Adaption einer Arbeit am Theater Chemnitz, für die Feistel den sächsischen Tanzpreis erhielt, der zweite Teil wird für Ulm neu choreografiert. 
Die Inspiration zum ersten Teil bot Feistels jahrelange Liebe zu den Gemälden von Edward Hopper (Gute Freunde wissen, dass man ihm mit einer Hopper-Postkarte zur Premiere oder einem Kalender zu Weihnachten stets eine Freude machen kann). Diese auf den ersten Blick melancholischen Bilder zum Leben zu erwecken reizte ihn: „Sie beschreiben einen angehaltenen Moment, von dem wir nicht wissen, was davor stattgefunden hat und auch nicht, was danach stattfinden wird.“ Also meditierte der Choreograf über diesen eingefrorenen Szenen, bis die in Zweidimensionalität gefangenen Figuren ihm ihre Geschichten erzählten. „Ich lese darin oft, dass ein Mensch auf einen Moment hofft, der sich nicht erfüllt. Ist es nicht tragisch, dass wir oft so sehr darauf warten, dass sich unsere Erwartungen erfüllen, dass wir ganz verpassen, was das Leben uns außerdem schenken könnte?“ Eindrücklich in Tanz gehüllt ist diese Idee in der Szene der Frau am Fenster. So lange wartet sie auf ihren Geliebten, dass sie, als er endlich erscheint, vor lauter Sehnsucht die Liebe nicht mehr zulassen kann. Aber es geht gar nicht so sehr ums Scheitern an sich, die Choreografie wirft ganz à la Hopper ein warmes Licht auf uns Menschen, wie wir uns oft selbst im Weg stehen, in der Hoffnung auf das große, das kleine Glück verpassen und am Ende des Tages (oder der Nacht) doch alle auf einen Ausweg aus der Einsamkeit hoffen.

Und dafür gibt es Teil zwei des Tanztheaterabends. Eine Gruppe junger Menschen kommt in einer neuen Stadt an - so wie die neuen Tänzer der Compagnie des Theaters Ende August in Ulm angekommen sind. Und sie werden aktiv, erobern sich Räume durch Tanz und den Mut zur Begegnung - so wie sich Reiner Feistel diesen Sommer ein bisschen auch Peking erobern konnte. „Ich hatte die Wahl entweder im Hotelzimmer zu hocken und auf meine Termine zu warten, oder einfach rauszugehen und zu schauen, was passiert.“ Und plötzlich stand er in dieser Unterführung, in der morgens von 8-10, solange es sogar in Peking noch einigermaßen kühl ist, ein Tangokurs stattfindet. „Und am dritten Tag, wenn man zur gleichen Uhrzeit die gleiche Straße entlang geht, wird man dann fast sowas wie ein Teil der Stadt: Aha, da ist der Herr, der hier immer die Melonen wäscht - und er lächelt dich an.“ Als Fremder zu einem Beat im Herzschlag der Stadt werden, unerwartete Begegnungen suchen und gute Beziehungen knüpfen, das wünscht sich auch die neue Compagnie für den nun begonnenen neuen Lebensabschnitt in der internationalen Stadt Ulm.
Ob Metropole, mittelgroße Stadt oder kleines Dörfchen: Die Geburtsstätten und Heimatorte der Tänzerinnen und Tänzer sind über den ganzen Globus verteilt. Einige bevorzugen den Großstadttrubel, andere die ländliche Idylle. Für jeden von uns gibt es einen Sehnsuchtsort. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, verrät unsere neue Tanz-Compagnie, welche ihre Lieblingsstadt ist. 

 

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Alba Pérez González - Burgos, Nord-Spanien

Traumstadt? Ich nenne lieber eine Stadt, die ich schon kenne und das ist ganz klar Valencia. Dort habe ich ein Jahr gelebt. Ich liebe das Wetter dort, das gute Essen und die tolle Atmosphäre.

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Yoh Ebihara - Kobe, Japan

Kobe! Ich kriege einfach nicht genug von dieser Stadt. Meine ganzen Kindheits- und Jugenderinnerungen sind an Kobe geknüpft. Wenn ich an diese Stadt zwischen den Bergen und dem Ozean denke, werde ich gleich ganz nostalgisch.

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Seungah Park - Ilsan, Korea

Mainz, Mainz und nochmal Mainz! In Mainz habe ich herausgefunden, wer ich bin und was ich tun möchte. Und: Ich habe dort meine große Liebe gefunden. 

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Edoardo Neviani - Modena, Italien

Meine Lieblingsstadt ist definitiv New York. Diese Stadt ist einfach riesig und spektakulär und die Tanzszene ist dort so anders als in Europa. Die Art zu leben und Beziehungen zu führen ist ganz anders. Ich würde unheimlich gerne längere Zeit in New York leben.

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Gabriel Mathéo Belluci - Salvador, Bahia, Brasilien

Salvador ist mein Platz in der Welt -Strand, Sonne, Kokosnusswasser, Glück und gute Freunde. Unglücklicherweise kann ich dort als Tänzer nicht arbeiten. Doch wegen meiner Erinnerungen und all ihrer Schönheit ist Salvador meine Lieblingsstadt.

 

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Maya Mayzel - Moskau, Russland

Ich habe keine bestimmte Lieblingsstadt. In jeder Stadt, in der ich war, ist etwas passiert, was für immer in meinem Herzen bleiben wird - so hat jede Stadt etwas Schönes und Besonderes. 

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Luca Scaduto - Sciacca, Sizilien, Italien

Ich bin zwar schon häufig umgezogen, eine Lieblingsstadt habe ich aber nicht. Alle Städte sind wunderschön, wenn man in die Bräuche und Sitten des jeweiligen Ortes eintaucht und die kleinen Dinge genießt, die man so vielleicht an keinem anderen Ort der Welt gefunden hätte.

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Raphaëlle Polidor - Cherbourg, Frankreich

Meine Lieblingsstadt ist (wahrscheinlich) Dresden, wo viele Freunde von mir wohnen - und auch mein Freund. Es gibt dort viele Kulturprogramme und die Nähe zu Polen, Tschechien und Berlin macht das Leben dort sehr abwechslungsreich und interessant.

 

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Lucien Zumofen - Vercorin, Schweiz

Das ist natürlich New York, weil es eine riesige Stadt ist, in der alles möglich ist - hauptsächlich aber, weil ich dort eine wichtige Zeit meines Lebens verbracht habe. Ich lernte dort viel über mich und darüber, ich zu sein, so verbindet mich mit der Metropole ein ganz spezielles Band.

 

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Nora Paneva - Dolna Metropolia, Bulgarien

Eine Lieblingsstadt habe ich nicht. Eine Stadt - das sind für mich nur Gebäude! Ein Ort den man liebt, ist ein Ort voller Menschen, die man liebt.

   
     


AutorIn: Nilufar K. Münzing
Datum: 24.10.2018