»LENNY« WIRD 100!

Zumindest theoretisch. Am 25. August 2018 jährte sich Leonard Bernsteins Geburtstag zum hundertsten Mal. Tatsächlich wurde Bernstein, den nicht nur seine Freunde liebevoll »Lenny« nannten, nur 72 — sein Lebensstil war sicherlich auch nicht der gesündeste. Bernstein ließ nichts anbrennen, auf amouröser wie auf musikalischer oder marketing-technischer Ebene, mit Ausnahme der allgegenwärtigen Zigaretten, die er bei jeder Gelegenheit, ob im Aufnahmestudio oder bei wilden Partys, genoss. Bernstein rauchte bis zu 100 Zigaretten am Tag, schluckte flaschenweise Scotch und betäubte sich nicht selten mit Schmerztabletten und Aufputschpillen. Er brannte förmlich an beiden Enden und schwankte zwischen exzessiver Lebensgier und tiefer Depression.
Vier Jahre vor seinem Tod erklärte er mit entwaffnender Direktheit in einem Interview: »Als ich Mitte 20 war, wurde bei mir ein Lungenemphysem diagnostiziert. Mit 35 würde ich tot sein, hieß es. Dann haben sie gesagt, ich würde mit 45 sterben. Dann mit 55. Doch ich kriege das schon hin. Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf. Ich vögle rum. Ich habe eben an allen Fronten genug zu tun.«An allen Fronten hatte Bernstein fraglos zu tun, gerade als schaffender Künstler. Er zählte zweifellos zu den musikalischen Genies des 20. Jahrhunderts: ein erstklassiger Pianist, gefeierter Dirigent und unermüdlicher Musikvermittler, aber auch ein Komponist, der sich der Sinfonik und Kammermusik mit derselben Ernsthaftigkeit widmete wie der Oper, der Operette und dem Broadway- Musical. 
Bernsteins Musik ist grenzenlos. Wer kennt sie nicht, die zeitlosen Melodien der »West Side Story«? Und eben weil Bernstein keine Grenze zwischen U- und E-Musik zog, ließ er seine Musical-Musik auch im Konzertsaal sinfonisch aufgeladen erklingen. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er — wie so oft — den Orchestermusikern die Partituren vortanzte und bei mitreißenden Stellen mitten im Dirigat beidbeinig in die Luft sprang.
Es war aber nicht nur seine eigene Musik, für die er sich unermüdlich einsetzte. Gustav Mahler hatte es ihm besonders angetan und auch die Kompositionen seines väterlichen Freundes Aaron Copland. Die europäische Erstaufführung von Coplands »3. Sinfonie« 1947 in Prag dirigierte Bernstein höchstpersönlich. Sein letztes Konzert 1990 in der Nähe von Boston leitete Bernstein zwischenzeitlich auf Grund eines Hustenanfalls, der sein Lungen- und Krebsleiden offensichtlich machte, nur noch mit den Augen, den Knien und den Schultern. Am Ende wandte er sich dem Publikum mit den Worten zu: »It’s over.«
Zum Hundertsten erinnern die Philharmoniker und GMD Timo Handschuh an das Jahrhundert-Genie — und zwar so, wie es sich Bernstein gewünscht hätte: als Dirigent, vor allem aber auch als Komponist! Und weil die Philharmonischen Konzerte so schnell ausverkauft sind, spielen die Musiker dieses besondere Bernstein-Programm für alle Musikliebhaber, die keine Grenzen kennen, einen Tag später gleich noch einmal. Sichern Sie sich ein Ticket zu Lennys opulentem Geburtstagsständchen!

AutorIn: Benjamin Künzel
Datum: 30.11.2018