LEEREN PIZZAKARTON UND PLASTIKFLASCHE BESORGEN!

Gut, dass wir heute Morgen schon darüber gesprochen haben, denn sonst hätte ich diesen Zettel, den meine Kolleginnen in der Mittagspause auf meinem Arbeitsplatz hinterlassen haben, vielleicht auch missverstehen können. Ich soll nämlich nicht etwa den Abfall durchwühlen, sondern einen Gutschein und Blumen besorgen. Die Präsente sind für Reiner Feistel, den Direktor des Tanztheaters. Seine Inszenierung „Das Schweigen der Männer“ im Podium ist von der Jugendjury als Beste Produktion ausgezeichnet worden und wir planen eine Preisverleihung, bei der wir seine Laudatio vorlesen und ihm Rosen und einen Pizzagutschein für das Tanzensemble überreichen möchten – beides nur eben in besonderer Verpackung. Der Karton und die Plastikflasche sind angelehnt an das Stück, zu dessen Ausstattung dutzende Pfandflaschen gehörten und in dem die elektronische Assistentin Alexa Pizza bestellt.

Während ich im Internet nach einem italienischen Restaurant in der Innenstadt suche, wird mir schlagartig bewusst, dass heute die letzte Woche meines Praktikums beginnt. Nach 10 Monaten am Theater Ulm werde ich mich schon bald von meinen Kollegen, dem chaotischen Schreibtisch, dem Mac-Computer, allen Abteilungen, den verwirrenden Treppenhäusern und Geheimgängen im Backstagebereich, internen Probenbesuchen, Gesang im Flur und dem Kaffeeduft der Cafeteria verabschieden müssen.

Ich gehe denselben Weg wie jeden Tag hinunter zur Pforte und nehme meine Umgebung ganz anders wahr, versuche sie noch einmal mit neuen Augen zu sehen. Vor einem Jahr war ich zum ersten Mal hier, erst für mein Bewerbungsgespräch und nach der Zusage für die Stelle dann zur Einarbeitung durch meine Vorgängerin. Damals war ich überzeugt, mich mit meinem quasi nonexistenten Orientierungssinn in diesem unübersichtlichen Gebäude niemals zurechtfinden zu können. Heute kenne ich alle möglichen Abkürzungen, Winkel und Ecken des Theaters. Außerdem dachte ich in den ersten Wochen, dass ich mir die Namen der ganzen Mitarbeiter und ihre freundlichen, aber fremden Gesichter bestimmt nicht alle merken würde. Doch nach und nach lernte ich die Personen dahinter kennen, ihre Talente und Leidenschaften und Eigenarten: die Pförtner und Malerinnen, Techniker und Regieassistenten, Leiter und Azubis, Büromenschen und Handwerker, Sängerinnen, Schauspieler und Tänzer. Einer von ihnen kommt mir auf dem Gang entgegen und grüßt mich auf Englisch. In Gedanken versunken antworte ich auf Deutsch und wir lachen beide.

Auf der Treppe treffe ich Gaetan, den Tanztheaterpädagogen, und wir vereinbaren kurz einen Termin für den Dreh unseres nächsten Videotutorials, das auf Instagram und Facebook veröffentlicht wird. Dass ich mal freiwillig vor einer Kamera tanzen und das auch noch ins Internet stellen würde, hätte vor meinem Jahr am Theater sicher niemand gedacht. Auch fällt es mir nach unzähligen Führungen leichter, vor Gruppen zu reden und die quirlige Theaterbande hat definitiv meine Geduld und Autorität vor Kindern trainiert. Außerdem ist mein Umgang mit Computerprogrammen souveräner und ich habe Erfahrungen im beruflichen Mailkontakt und mit Telefonaten gesammelt. Dazu kommen die ganzen schrägen Anekdoten aus der Theaterwelt – wie ich Einkaufswagen beladen mit Staubsaugern, Jutesäcken, Perücken, Wischmopps und Fischstäbchenpackungen im und ums Theater bugsierte, die französische Revolution recherchierte und das Wort „Wollüstigkeit“ nachschlagen musste, bei Workshops wie ein Pinguin in der Stadtbibliothek herumwatschelte und mich über den Boden kugelte, Videos zur Mondfahrt anschaute und Schauspieler auf Social Media stalkte. Einige Geschichten habe ich auf diesem Blog geteilt und hoffe, so einen Einblick in das bunte Treiben am Theater verschafft zu haben.
Umgekehrt hat die Arbeit mir viele Einblicke verschafft – in die Kulturwelt, aber auch in die Stadt. Daran denke ich, als ich die Kreuzung an der Bushaltestelle „Theater“ überquere. Ich bin für die Stelle nach Ulm gezogen und wohne hier erst seit einem Jahr. Doch da die Theaterpädagogik gewissermaßen die Schnittstelle mit den sozialen Einrichtungen der Stadt ist und ich entsprechend viel außerhalb des Theaters unterwegs war, finde ich mich mittlerweile gut zurecht. Zu Beginn der Spielzeit habe ich Hefte und Broschüren in allen möglichen Cafés, Museen und Läden verteilt (im Rathaus bin ich damals aus Versehen in eine Hochzeitsgesellschaft hereingeplatzt), beim Vorlesetag navigierte ich uns von Schule zu Schule quer durch Ulm und wo man Gummischlangen, Tafelkreide, Partytröten, CD-Rohlinge und Klebeband herbekommt, weiß ich mittlerweile auch.

Da fällt mir die Plastikflasche ein, die ich ja auch noch besorgen muss. Auf dem Weg zur Pizzeria mache ich also noch einen Abstecher zum Supermarkt. Ich muss grinsen, wenn ich daran denke, wie ich hier schon mit zehn Packungen Salzstangen und literweise Apfelsaft zur Verpflegung bei Proben unserer Bürgerbühnen an der Kasse stand und was für neidische Blicke ich von Kindern bekommen habe, als ich für die Kulturnacht im September jede Menge Halloweensüßigkeiten gekauft habe. Als ich über den Münsterplatz laufe, werde ich etwas wehmütig. Hier hätte eigentlich ein Flashmob zum Beethovenjubiläum stattfinden sollen. Hunderte Menschen hätten an einem Samstag gemeinsam die „Ode an die Freude“ gesungen. Wir hatten schon Kontakt zu den Besitzern verschiedener Cafés aufgenommen, um Bläser auf den Dachterrassen zu platzieren, und eine Genehmigung der Stadt eingeholt sowie mehrere Chorvereine für die Idee gewinnen können. Durch Corona mussten wir dieses Event leider absagen. Es ist nur ein Beispiel für die vielen Veranstaltungen, die durch die Pandemie unmöglich wurden: Premieren, Workshops, Tanzprojekte...
Immerhin die Preisverleihung der Jugendjury werden wir, wenn auch in kleinem Rahmen, durchführen. Ich finde es schön, dass wir die gekürte Produktion durch das Lesen der Laudatio mit den Worten der Jugendjury würdigen und die Übergabe filmen und online teilen können. Beim italienischen Restaurant angelangt lasse ich mir einen Gutschein ausstellen und frage nach einem leeren Pizzakarton. Auf dem Rückweg zum Theater gehe ich noch bei einem Blumenladen vorbei und hole die Rosen.

Als ich die Tür zum Büro aufschließen will, ist sie schon offen und meine Kolleginnen wieder da. Ich trete ein und fühle mich sofort wohl. „Möchtest du einen Kaffee?“, fragt Charlotte und Stephanie bedankt sich lächelnd für die Besorgungen. In diesem Moment möchte ich, trotz Corona, beide einfach nur in den Arm nehmen. Ja – der Abschied wird nicht einfach. Aber ich bin unglaublich dankbar für die Zeit, die ich hier verbringen durfte und alles, was ich dabei gelernt habe. Ich werde in Ulm bleiben und das Theater mit Sicherheit weiterhin oft besuchen. Bleiben auch Sie ihm treu.

Herzliche Grüße
Annika Wilke

AutorIn: Annika Wilke
Datum: 16.07.2020