EIN FIKTIVES GESPRÄCH ZUM KINDERKONZERT MIT DEM KOMPONISTEN CARL MARIA VON WEBER

Der Freischütz — KURZ UND KNALLIG

Verehrter Herr Weber –
Von Weber! So viel Zeit muss sein.

Aha. Sie heißen wirklich Maria mit Vornamen?
Nehmen Sie den Finger aus der Wunde!

Gut. Verehrter Herr von Weber, Ihr »Freischütz« gehört zu den beliebtesten Opern aller Zeiten. Wenn Sie das sagen. Woran mag das liegen?
Sagen Sie es mir.

Ist es die schaurige Geschichte oder die schaurige, pardon, schaurig-schöne Musik, die Sie dazu komponiert haben?
Das ist nicht zu trennen. Die Geschichte schreit geradezu nach Musik. Mein Textdichter Johann Friedrich Kind und meine Wenigkeit haben in enger Zusammenarbeit den Figuren ein Leben in Versform eingehaucht. Die Musik zum »Freischütz« war praktisch schon immer in meinem Kopf. Ich musste sie nur noch zu Papier bringen.

Das verstehe ich nicht. Da war Musik, bevor Sie überhaupt wussten, wie die Geschichte funktioniert?
In meinem Kopf klingt immer Musik.

Nervt das nicht auf Dauer?
Ich bin eben Komponist.

Aha. Zurück zum »Freischütz«. Sie sagen, Musik und Text könne man nicht trennen.
So ist es.

Aber Sie haben doch den »Freischütz« als Kinderkonzert eingerichtet, ganz ohne Sänger.
Das habe ich nicht.

Aber hier steht es (kramt ein Jahresheft des Theaters Ulm hervor): »Kinderkonzert: Der Freischütz«.
Für Kinder? Aber sowohl die Geschichte als auch meine Musik sind nichts für schwache Nerven.

Naja, Sie haben das Original von Herrn Apels schon ein wenig abgemildert.
Das war aber auch wirklich sehr gruselig. Das halten meine Nerven nicht aus. Und in diesem Theater da in ... in ...

Ulm.
Genau. Da spielt man meinen »Freischütz« nun für Kinder? Als Konzert?

Ja. Und Jakob Egger erzählt die Geschichte.
Kann der singen?

Auch. Aber das muss er im »Freischütz«- Kinderkonzert nicht. Das erledigt das Orchester.
Das Orchester singt?

Nein. Aber die spielen das, was sonst gesungen wird.
Alles? Versteht man dann überhaupt, was gerade verhandelt wird?

Natürlich. Der Erzähler spricht auch, während die Musik spielt.
Wie soll das gehen? Ich habe den »Freischütz« für ein großes Opernorchester komponiert. Das ist viel zu laut.

Aber in Ulm wird Ihre Musik von einem Bläserensemble gespielt.
Ohne Geigen?

Ja.
Ohne Bratschen und Celli?

Ja.
Ohne Schlagwerk?

Ja-ha. Nur Bläser.
Und das funktioniert?

Und wie! Da klingt die Klarinette plötzlich wie ein Streichinstrument und die Hörner sorgen für authentisch romantischen Klang. So haben Sie Ihren »Freischütz« noch nie gehört.
Das klingt hervorragend. Warum bin ich nicht selbst auf diese Idee gekommen? Wie lange dauert der Kinder-»Freischütz« in ... in ...

Ulm.
Genau.

Nicht einmal eine Stunde.
Und es wird bestimmt nicht zu gruselig?

Nur ein ganz klein wenig. Das schaffen Sie, Herr von Weber.
Da muss ich hin!

Das fiktive Gespräch führte Benjamin Künzel.

AutorIn: Benjamin Künzel
Datum: 11.04.2019