FISCHSTÄBCHEN AN DIE WAND KLEBEN!

So lautet mein heutiger Auftrag. Vor ein paar Wochen hätte ich mich vielleicht noch über die gekritzelten Worte gewundert, aber mittlerweile weiß ich bei den meisten Notizen meiner Kolleginnen, was gemeint ist (zumindest, wenn ich sie entziffern kann). Das Stichwort Fischstäbchen riecht schon immer verdächtig nach dem Kinderstück „Der dickste Pinguin vom Pol“, das ich betreue. Es wird gespielt von meiner Kollegin Stephanie Pardula und ist eines meiner ersten Projekte in dieser Spielzeit. Bei den ersten Proben musste ich mich zunächst einmal daran gewöhnen, Stephanie im Pinguinkostüm statt Seidenbluse zu erleben und der einzige Zuschauer im Publikum zu sein. Zu meinen Aufgabe gehört die Soufflage, also sitze ich mit einem sehr mitgenommenen Textbuch mit dutzenden Anmerkungen und Kritzeleien vor der Bühne, lese mit und helfe weiter, wenn bei der zweiten Strophe des Zähneklapper-Songs eine Zeile fehlt oder die Mayonnaise vergessen wird.
Außerdem bin ich für die Requisiten zuständig. Das führt dazu, dass meine Antworten auf die Frage, was ich denn heute bei der Arbeit gemacht habe, teilweise sehr skurril ausfallen: „Oh, ich habe eine Eisscholle ausgeschnitten“, „Ich habe Federn aus dem Foyer gestaubsaugt.“ sowie „Heute habe ich Zeitungspapier gefaltet!“.
Bei meiner heutigen Aufgabe geht es natürlich nicht um die Wände unseres Büros, sondern um das Bühnenbild des Pinguins: eine Magnetwand in Form eines Eisbergs. Die Fischstäbchenpackungen, die im Laufe der Handlung verschlungen werden, sollen an der Wand haften. Das funktioniert allerdings nicht so gut wie gedacht, weswegen die Requisite für uns stärkere Magneten bestellt hat.
Ich laufe also vom dritten in den ersten Stock in die Abteilung der Requisite. Vielleicht sollte man eher „Hauptquartier“ sagen, weil die Lager im ganzen Haus verteilt sind. Neulich bin ich in den, hm, siebten Stock (?) mitgenommen worden, wo sich hinter einer unauffälligen Tür ein kunterbunter Blumenladen verbarg – mit unechten Pflanzen natürlich. Ein andermal, als wir auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Kochtopf für die Kulturnacht waren, führte mich eine Mitarbeiterin der Requisite in einen schmalen Lagerraum, der von oben bis unten mit Küchenutensilien vollstand.
Auch das Hauptquartier ist ein schräger Ort, weil davor und darin immer irgendwelche Gegenstände aus verschiedensten Produktionen liegen, die aus dem Zusammenhang gerissen sehr lustig sein können. Über ihre Schreibtischnotizen könnten die Damen aus der Requisite bestimmt auch lustige Artikel verfassen („Wer kauft den Umschnalldildo?“ oder „An die Wärmflasche muss ein Schlauch für Kotze!“). Überhaupt sind alle, die dort arbeiten, enorm kreativ und handwerklich begabt. Nicht zu vergessen ihre Geduld, wenn ich mit dem fünften Änderungswunsch hereinschneie und die Hilfsbereitschaft dabei, genau das richtige Requisit zu finden!
So wird meistens an etwas gebastelt oder repariert, wenn ich vorbeikomme. Heute ist aber niemand da, deswegen schreibe ich schnell einen Zettel, nehme die Magneten mit ins Obere Foyer und hole die Fischstäbchenpackungen aus der großen roten Tonne, die ebenfalls Teil der Ausstattung des Pinguins ist.
In meinem Kopf entfaltet sich der Grundriss des Theaters und ich überlege fieberhaft, durch welches Treppenhaus ich jetzt am besten zur Werkstatt komme. Nach zwei Anläufen finde ich den Raum endlich. Drinnen steht schon der Heißkleber für mich bereit. Ich danke den Requisiteuren im Stillen, dass ich mich nicht durch Schubladen voller Werkzeug wühlen muss, das aussieht, als sei es zum Foltern erfunden worden, und werfe einen Blick auf die Arbeitsfläche, wo ausgedruckte Bilder von Häppchen und sehr viele, teilweise bemalte Plastikshrimps und Zitronenscheiben herumliegen. Die aufwendige Detailarbeit, die auch in die kleinsten Requisiten gesteckt wird, fasziniert mich immer wieder.
Dann stehe ich auch schon vor der ersten Schwierigkeit – die Magneten auseinanderbekommen. Superstark, schön und gut, aber diese Metallringe haben sich vor allem gegenseitig sehr gerne. Nach einigen Minuten verzweifeltem Zerren und Drücken komme ich auf die Idee, ein Geodreieck dazwischenzuschieben, um sie zu trennen. Das funktioniert einigermaßen, man muss nur höllisch aufpassen, dass die erfolgreich isolierten Magneten nicht quer über den Tisch zu ihren Freunden zurückflutschen oder man sich die Finger dazwischen einklemmt. Das nächste Problem ist die Heißklebepistole. Ja, das ist eigentlich kein schwer zu bedienendes Gerät, aber für einen Menschen wie mich, der seinen absoluten Mangel an handwerklichem Geschick mit einem tragischen Hang zur Tollpatschigkeit ausgleicht, bedeutet der Umgang damit eine echte Herausforderung. Ich kleckse unbeholfen auf Käpt’n Iglos Gesicht herum und lerne nebenbei etwas über die Herkunft des Alaska-Seelachsfilets (Nordostpazifik) und die Nährwerte (1252 kJ pro Portion – kein Wunder, dass der Pinguin so dick ist). Als ich endlich fertig bin, kleben meine Finger und ziehen lange Fäden. Dafür sind vier Fischstäbchenpackungen, eine gelbe Frisbeescheibe und eine leere Sardinendose mit Supermagneten bestückt. Auf dem Weg zurück ins Obere Foyer grinse ich in mich hinein. Das wird wieder interessanten Unterhaltungsstoff bieten... „Ich habe heute Fischstäbchen an die Wand geklebt, und wie war dein Tag so?“

 

AutorIn: Annika Wilke
Datum: 12.03.2020