DENK AN DEN ABGEHACKTEN KOPF!

Hinweis: dieser Blogartikel hätte eigentlich im Winter veröffentlicht werden sollen. Durch Corona haben wir leider seit März keine Führungen anbieten können. Da diese jedoch bis dahin ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit am Theater waren und mein Praktikum nach dieser Spielzeit endet, wollte ich den Einblick trotzdem noch mit Ihnen teilen.

Fröstelnd komme ich an diesem kalten Wintermorgen ins Büro und drehe erst mal die Heizung auf. Meine Kolleginnen sind gerade wohl unterwegs. Für mich steht jedenfalls um 10 Uhr eine Führung an. Während ich Schal, Handschuhe und Jacke ablege, werfe ich einen Blick auf meinen Schreibtisch. Dort sehe ich einen Zettel mit Stephanies Handschrift und einer ungewöhnlichen Erinnerung: „Denk an den abgehackten Kopf!“. Es geht um ein Requisit aus der Produktion „Judith“, die 2016 am Theater inszeniert wurde. Damals wurde die perfekte Nachbildung des Kopfes von Schauspieler Wilhelm Schlotterer nach der Ermordung seiner Rolle zusammen mit einem blutigen Messer auf die Bühne getragen. Heute fristet sie ein eher unspektakuläres Dasein in der Requisitenkiste als Anschauungsmaterial für Führungen.

Die Führungen durchs Theater sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit und haben mir vor allem anfangs sehr geholfen, mich hier zurechtzufinden – räumlich wie metaphorisch. In der Vorbereitung habe ich viel über Geschichte, Architektur und Berufe am Theater gelernt und es macht mir Spaß, Menschen von außerhalb den Backstagebereich und die Werkstätten zu zeigen und ihnen den Kulturbetrieb näherbringen zu können. Außerdem komme ich dadurch in Kontakt mit sehr unterschiedlichen Personengruppen...
Meine erste Führung waren zurückhaltende Studenten, die sich nur bei Schätzfragen nach mehrfacher Aufforderung zögerlich meldeten. Direkt am nächsten Tag hatte ich das genaue Gegenteil: eine hochinteressierte Seniorengruppe. Während der Führung kamen lauter Fragen auf, die ich mir notieren und nachschauen musste. Wie hoch ist der Stromverbrauch des Theaters? Wie funktioniert das Zugsystem der Bühne? Was verdient ein Cellist? Ein paar Wochen später hatte ich dann die erste Kindergartengruppe. Als ich mich bei der Hinterbühne erkundigte, ob es noch Fragen gebe, wollte ein kleiner Junge wissen: „Wann gehen wir endlich weiter?“ Tja, danke für die Ehrlichkeit.
Für mich werden Führungen jedenfalls nie langweilig. Ob nun ein unangekündigter Rollstuhlfahrer dabei ist oder das Licht im Zuschauerraum plötzlich ausgeht, sodass ich meine Notizen nicht mehr sehen kann– irgendwelche Zwischenfälle gibt es eigentlich immer. Und es ist ohnehin jede Führung etwas anders, je nach Besuch: Architekten auf Betriebsausflug, Zahnärzte bei der Weihnachtsfeier, Interessenten von der Volkshochschule oder aus dem Landratsamt, Patienten aus der psychiatrischen Tagesklinik sowie Kindergruppen ab 3 Jahren und Schulklassen von Grundschule bis Oberstufe.

Jetzt muss ich mich mit den letzten Vorbereitungen beeilen, um die Gruppe rechtzeitig an der Theaterkasse abholen zu können. Zunächst laufe ich zur Bühne, wo zwanzig Techniker an den Kulissen für die Abendvorstellung herumschrauben und erkundige mich, welche Bereiche wir betreten dürfen. Dann erinnere ich mich an meinen Schreibtischzettel, lege die Requisitenkiste und den Kopf bereit und flitze nach unten in den Malersaal. Drinnen arbeiten gerade zwei Malerinnen an einem riesigen, pink glitzernden Bühnenbild. Weiter hinten steht eine vier Meter große bunte Rakete und links liegt eine beeindruckend genaue Kopie von Leonardo Da Vincis „Abendmahl“. Auch den beiden sage ich über die Führung Bescheid.

Dann kann es auch schon losgehen. „Jetzt nur nicht den Kopf verlieren“, denke ich grinsend und wünsche mir selbst toi toi toi, bevor ich die heutige Besuchergruppe im Foyer empfange und sie am Theater Ulm willkommen heiße.

AutorIn: Annika Wilke
Datum: 16.07.2020